„..Diese bisher wenig erforschten Allianzen, bei denen es viel vorauseilenden Gehorsam gab…“

Das Zitat

So lautet eine wesentliche Passage in einem ASSE EINBLICKE-Interview von Oliver Gehrs mit Volker Hauff und Detlev Möller. Das Zitat stammt aus folgendem Gesprächsteil:

Herr Möller beschäftigt sich damit, die Entwicklung im Bereich der Endlagerung nachzuzeichnen, Spuren zu finden und Wegmarken, an denen sich Bewertungen geändert haben. Wie wichtig ist diese Art politischer Geschichtsforschung für Sie?

Hauff: Herr Möller hat mir sehr geholfen, die Frage zu beantworten, wie wir alle falschen Versprechungen von Experten erliegen konnten. Die Asse steht ja Pars pro Toto, stellvertretend für den sorglosen Geist der damaligen Zeit. Sie war ein Vorzeigeobjekt, das von der internationalen Atombehörde besucht wurde, von Gästen aus dem Ausland. Und heute erfahre ich von Herrn Möller, dass es bereits im Jahr 1964 Schriftstücke gab, in denen ein Wassereinbruch in der Asse nicht ausgeschlossen wird. Später wurde dieser sogar als sicher angesehen. Mir wurde zu Beginn der 70er-Jahre von den Zuständigen immer wieder versichert, dass das Eindringen von Wasser mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden kann. Es ist Zeit für ein breites Forschungsprojekt, um das Ineinander von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu untersuchen. Diese bisher wenig erforschten Allianzen, bei denen es viel vorauseilenden Gehorsam gab, indem man das sagte, was gehört werden wollte.

Beginn der Forschungsarbeiten

Dies ist Anlass, mit den Forschungsarbeiten zu beginnen. Die Arbeiten sind deshalb wichtig, weil wir daraus lernen müssen.

Herr Hauff, Sie lesen diese Dokumente Jahrzehnte später – hätten Sie darüber nicht unterrichtet sein müssen?

Hauff: Mir und auch meinen Amtsvorgängern ist die Unwahrheit gesagt worden. Diejenigen, die uns beraten haben, wussten mehr. Aber ich will das nicht als Schuldfrage diskutieren, sondern der Frage nachgehen, was wir daraus lernen müssen.

Weitere wichtige Arbeitshinweise

Wichtige Arbeitshinweise gibt noch folgende Passage des oben genannten Interviews:

Herr Möller, gibt es eigentlich in der Wissenschaft die Bereitschaft, die eigene Rolle damals kritisch aufzuarbeiten?

Möller: Es wäre ganz wichtig, wenn die Beteiligten von damals Stellung nehmen würden. Aber die technisch-wissenschaftliche Aufarbeitung steht aus. Es wurde inzwischen eine erste Bresche in den politisch-administrativen Bereich geschlagen, auch mit dem Untersuchungsausschuss. Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse können die Basis dafür bilden, dass sich Techniker und Naturwissenschaftler fragen, wo Fehler gemacht worden sind.

Hauff: Mich hat schon immer gestört, wie wenig Wissenschaftler – auch hier in Deutschland – bereit sind, über ihre Verstrickung in Fehlentwicklungen zu reden. Sie sagen sich einfach: Wir machen unsere Arbeit und dienen nur der Wahrheit. Die meisten sehen sich außerhalb der Kritik und nur Einzelne übernehmen persönliche Verantwortung. Es wäre hochinteressant, die Kultur, die dahintersteckt, mal aufzuarbeiten.

Möller: Das ist genau der Punkt. Was die Vermeidung von Fehlentwicklungen angeht, sehe ich den Korrekturbedarf weniger im administrativ-politischen Bereich. Die Aufmerksamkeit der Leitung ist begrenzt. Man kann nicht alles zum Minister hochgeben. Die Aufgabe des Abteilungsleiters ist es auch, politische Aspekte einzubringen, dafür ist er politischer Beamter. Es sind die Wissenschaftler, die sich fragen lassen müssen, ob ihre Arbeiten im Ergebnis nicht zu opportun waren. Hinzu kommt, dass es im Fall der Asse an einer überregionalen Öffentlichkeit gefehlt hat. Man hat ja der ortsansässigen Bevölkerung klipp und klar gesagt: Das ist der Ort, wo für die nächsten 100 Jahre radioaktive Abfälle aus Krankenhäusern und Forschungsinstituten gefahrlos untergebracht werden. Und die Menschen in der Region haben sich damit abgefunden. Erst 1972/73 gab es ein überregionales Interesse, das wichtig war, um den administrativ bestimmten Prozess zu korrigieren.

Wissenskultur – objekt- oder autoritätsorientiert?

Hier wird Wissenskultur angesprochen. Darüber ist schon viel geforscht und geschrieben worden. Empfehlenswert ist das einschlägige Buch von Knorr Cetina, K.(2002). Wissenskulturen – Ein Vergleich naturwissenschaftlicher Wissensformen.

Organisation durch Inhalte
..Im vorliegenden Abschnitt geht es um eine weitere Dimension dieser Experimente, nämlich um ihre objektorientierten – anstatt autoritätsorientierten- Managementpraktiken…Die Idee eines Managements durch die Sache kann durch zwei Prinzipien erläutert werden. Erstens werden Entscheidungen gegenstandsnah von denjenigen Personen getroffen, die mit den entsprechenden Gegenständen arbeiten und sie kennen. Zweitens ersetzen objektorientierte Strukturen – wo immer möglich – Autoritätsstrukturen. S. 242

Endlagerung – bisher autoritätsorientiert

Bisher herrschen bei der Endlagerfrage die autoritätsorientierten Managementpraktiken vor. Das hat sich in den letzten 35 Jahren – von der Entscheidung zu Gorleben bis zum Gabriel-Wahlkampfspektakel um die Asse – nicht verändert. Da sollte man sich mal die Großforschungseinrichtung CERN ansehen, wo Frau Knorr Cetina die objektorientierten Praktiken kennengelernt hat.

knowledge waves in the social space-time

Wie sind nun die wissenschaftlichen Fehlentwicklungen zu sehen? Haben Wissenschaftler zu opportun gearbeitet? Hier kann die Studie von  Collins, H.(2004). Gravity`s Shadow – The Search for Gravitational Waves weiter helfen. Eine Übersicht findet sich in einem ZEIT-Artikel. Leider greift dieser einen wesentlichen Gedanken von Collins nicht auf:

One element in the explanation of this strange phenomenon is that, as a general rule, as you move from the scientific core group the message gets simpler and more straightforward. Those in the core group are aware of every argument and every doubt as it unfolds, whereas those a little more distant have their views formed from more-digest sources. In the nature of things, digested sources must simplify. The medium of transmission has, as it were, too narrow a „bandwidth“ to encapsulate the sum total of the core´s activities. Other things being equal, then, „knowledge waves,“ at least weak knowledge waves, behave in the opposite way from gravitational waves. Gravitational waves weaken as they spread; knowledge waves get stronger. S. 11

Collins spricht von der social space-time (gesellschaftlicher Ereignisraum) – in Abgrenzung zur space-time (vierdimensionales Raum-Zeit-Kontinuum). In früheren Arbeit bezeichnete er diese allgemeine Regel als distance lends enchantmentAbstand verzaubert. Dieser grundlegende Gedanke zieht sich durch die gesamte Studie und wird an fast 30 Stellen exemplifiziert.

Experiment zur Beugung von knowledge waves in der social space-time

Doch nun zu einem Experiment, einem Experiment zur Beugung von knowledge waves in der social space-time im Bereich Endlagerung. Was passiert, wenn ein Mitarbeiter in einer staatlichen Institution, die sich mit Endlagerung befasst, eine Fachmeinung erarbeitet, die nicht gefragt ist? Er gibt auf oder remonstriert, da die weitergegebene Fachmeinung seiner Einschätzung nach falsch und damit unrechtmäßig ist? Die Remonstration wird aber nicht als solche anerkannt, und er wird ohne Erörterung über die infrage gestellte Fachmeinung unter Androhung von arbeitsrechtlichen Schritten strafversetzt.

Kritisiert er weiterhin intern und mit konstruktiven Lösungsvorschlägen die nach außen gegebenen Einschätzungen, so erhält er Abmahnungen. Geht er gegen diese Abmahnungen vor, reagiert die staatliche Institution nicht darauf. Erst wenn er vor Gericht dagegen klagt, erfolgt eine Reaktion: fristgerechte Kündigung. Bei weiterer interner Kritik wird daraus eine fristlose Kündigung. Dieses Experiment fand nicht in grauer Vorzeit statt, sondern in den Jahren von 2005 bis 2011.

Die Struktur der social space-time bezüglich Endlagerung

Mit diesem Experiment ist deutlich geworden, wie die social space-time bezüglich Endlagerung aussieht. Wir befinden uns in einem politisch-administrativen Umfeld, in dem wissenschaftliche Arbeit geleistet werden soll, im Wesentlichen um politisch-ideologische Vorgaben öffentlich positiv – als wissenschaftlich – darstellen zu können. Durch die von Knorr Cetina als autoritätsorientiert bezeichneten Managementmechanismen, die sich als übersteile Hierarchien darstellen, führen zu einer social space-time mit extrem steiler Struktur. Das heißt die knowledge waves nehmen mit der Entfernung vom wissenschaftlichen Kern stark zu und erreichen ungeahnte Amplitude. Nach kurzer Distanz von der differenzierten Wissenschaft sind Strukturen kaum mehr zu erkennen.  Eine rationale Behandlung der Endlagerproblematik kann nicht stattfinden.

Hypothese

Um zu einer rationalen Behandlung des Themas Endlagerung radioaktiver Abfälle zu kommen, müssen im Kern und der näheren Kernumgebung eher objektorientierte Managementpraktiken zur Anwendung kommen, sodass der Amplitudenzuwachs – d. h. die Vereinfachung – mit dem Abstand nur moderat anwächst und mit geringerer Amplitude auf die politische Ebene trifft. Dann können hier sachgerechte Entscheidungen getroffen werden.

Überforderung der Wissenschaft

Ein direkter Eingriff der politischen Ebene auf den wissenschaftlichen Kern muss verhindert werden, denn das führt regelmäßig zu einer Überforderung der Wissenschaft durch überhöhte, nicht gerechtfertigte Problemlösungsansprüche – siehe Weingart, P., M. Carrier, et al.(2007). Nachrichten aus der Wissensgesellschaft – Analyse zur Veränderung der Wissenschaft.

Falsifizierung der Hypothese

Diese Hypothese gilt es zu untermauern oder durch eine bessere zu ersetzen. Es ist Zeit für ein breites Forschungsprojekt, um das Ineinander von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu untersuchen. Doch viele Bausteine sind schon erarbeitet. Es müssen nur noch einige wenige Experimente der letzten 35 Jahre ausgewertet zu werden. Hilfreich ist auch ein Vergleich mit der social space-time des Klimaschutzes – siehe Leuschner, A.(2012). Die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft – Eine wissenschafts- und erkenntnistheoretische Analyse am Beispiel der Klimaforschung.

5 Gedanken zu „„..Diese bisher wenig erforschten Allianzen, bei denen es viel vorauseilenden Gehorsam gab…“

  1. Steilheit von Hierarchien
    Im vorstehenden Artikel wird von übersteiler Hierarchie gesprochen. Diese Begrifflichkeit sei hier kurz erläutert.
    Eine flache Hierarchie ist dadurch geprägt, dass wesentliche Abstimmungen in einem direkten Gespräch mit diskursivem Ansatz über zwei und mehr Hierarchieebenen herbeigeführt werden. Eine schriftliche Fixierung findet in der Regel danach statt.
    In einer normalen Hierarchie werden so etwa die Hälfte der wesentlichen Punkte über meist nur zwei Ebenen abgestimmt. Der diskursive Charakter nimmt ab. Die andere Hälfte wird schriftlich formalisiert bearbeitet. Das heißt, in diesen Fällen wird von der unteren Hierarchieebene eine schriftliche Unterlage verfasst, die nach oben geht. In der Regel geht sie so über mehrere Ebenen bis zur Spitze. Die Unterlage kommt dann auf die unterste Hierarchieebene – versehen mit Anmerkungen nebst Begründungen – zurück und wird in der Regel dort umgesetzt. Es ist also ein System mit Rückkopplung.
    Bei einer steilen Hierarchie werden die Anmerkungen und angebrachten Änderungen in der Regel nicht begründet. Ein diskursiver Ansatz wird nicht verfolgt. Vereinzelt finden formale Gespräche statt, bei denen aber streng auf die Hackordnung geachtet wird.
    Eine übersteile Hierarchie im Sinne des Artikels liegt dann vor, wenn ein Rücklauf nicht mehr stattfindet. Für den Ersteller ist nicht mehr nachvollziehbar, auf welcher Hierarchiestufe und weshalb die Unterlage gestoppt wurde oder ob sie die Spitze erreicht hat. Eine Rückkopplung findet nicht statt. Diese Arbeitsstruktur wird als kafkaesk empfunden, die Fachliteratur spricht vereinzelt auch von machiavellistischer Organisationsstruktur – siehe S. 170 in Althoff, K. und M. Thielepape.(2000). Psychologie in der Verwaltung.

  2. Gibt es eine Quelle dafür, dass gegenüber der Bevölkerung behauptet wurde, dass es bei dem „Forschungsprojekt“ Asse nur um eine vorrübergehende Lagerung der Abfälle über 100 Jahre handeln soll? Wenn eine Rückholung der Abfälle nach Ende der Forschungsarbeiten damals ernsthaft in Betracht gezogen worden wäre, dann hätte man auf jeden Fall die Zugänglichkeit der Einlagerungskammern sicherstellen und eine regelmäßige Inspektion der Fässer auf Rost/Undichtheit durchführen müssen. Daher wäre eine solche Aussage ein klarer Beweis, dass schon damals zu Beginn der Einlagerung die Bevölkerung bewusst betrogen wurde.

    • Auf einer wissenschaftlichen Tagung 1973 wurde klar unterschieden zwischen den Testeinlagerungen und der Langzeiteinlagerung ab November 1971:

      In four test-disposal phases, 10,162 drums were disposed of (Kühn and Albrecht, 1971). Table 1 shows the four phases and the different waste deliverers. It can be seen from this table that the main deliverers were the nuclear-research centers of the Federal States which have connected interim storage facilities.

      In November 1971 the long-term disposal of low-level radioactive wastes was started. Until June 1973, 16,089 drums were disposed of. Table 2 shows the temporal distribution and the deliverers.

  3. „Mir ist damals die Unwahrheit gesagt worden …“ Nein, das ist die Unwahrheit, darum will Hauff auch „nicht die Schuldfrage diskutieren“, denn die politisch und administrativ Verantwortlichen hätten zu prüfen gehabt, ob die Experten ausreichend unabhängig waren, um keine lobbyistischen Expertisen zu präsentieren. Aber genau solche Gutachten waren willkommen, weil sich auch die politisch Verantwortlichen in bewussten Allianzen mit der Atomindustrie befanden und die Kritik als „ideologisch“ abtaten – und weil Standortentscheidungen auch im innerparteilichen Ranking halfen, z.B. Ernst Albrecht und Gorleben.
    Nur hat es eben nichts mit „Ideologie“ zu tun, wenn zu bezweifeln ist, dass eine Tiefer-Lagerung (300 Meter) in der Asse eine Option sein könne, wie es ein Video der Asse-Begleitgruppe behauptet, denn was in den oberen Kali-Hohlräumen zu Wassereinbrüchen führt, wird es auch in den neuen Hohlräumen < "50.000 m3" weiter unten tun, es sei denn, man wüsste allerlei Naturerkenntnis auf den Kopf zu stellen, die Schwerkraft, die Löslichkeit von Salzen, Kapillarität um eingebrachte Dichtungsmittel herum, …
    Ohne solche Bedenken ist solch Video fortgesetzte Desinformation. Und wieder Milliarden investieren? Und wieder in 30 Jahren der Spruch: "Wir wurden belogen" und doch eher betrogen, denn es geht um Milliarden, aus denen sich solche Desinformanten bedienen möchten.
    Das ist "Subventionsbetrug" und zwar "Mit freundlicher Unterstützung des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) Salzgitter", siehe das Video "Umlagerung".
    Einzig das erste Video enthält kritische Töne, ist aber typischerweise für die Salzgitter-Experten die unattraktivste Variante, während das 30-Jahre-Programm der Tiefer-Lagerung die "Experten-Halbwertzeit" (=Berufsleben) locker überschreitet; anschließend die wohlverdiente Rente.
    Mal abgesehen davon, dass die drei "Lösungsvarianten" zwar von Technik sprechen, die "auf dem Markt erhältlich" seien, aber ohne Kostennennung, obgleich sich das dann ja inklusive des bergbaulichen Aufwands hochrechnen lassen müsste.
    Immerzu "halbe Infos", aber nicht etwa, um uns Zeit zu sparen, denn die drei Videos langweilen mit mehr als 70 Prozent identischem Material.

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