Nichtwissenskultur erfordert Endlager-Monitoring

neutrinoTrans-wissenschaftlich

Die Zeiten, in denen die Vorstellung vorherrschte, Wissenschaften und insbesondere Naturwissenschaften könnten alle Fragen beantworten, sind vorbei. Die wissenschaftlich nicht beantwortbaren Fragestellungen wurden bereits von Weinberg 1972 als trans-wissenschaftlich bezeichnet.

Plurale Nichtwissenskulturen

Für den rationalen Umgang mit solchen Problemen wurden Nichtwissenskulturen entwickelt – siehe zum Beispiel Entscheidungen unter Bedingungen pluraler Nichtwissenskulturen in Wissensproduktion und Wissenstransfer – Wissen im Spannungsfeld von Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit, Seite 197 bis 219.

Unsicherheiten und Nichtwissen bei der Endlagerung

Bei der Endlagerung radioaktiver Abfälle tritt eine Fülle von Unsicherheiten und Nichtwissen auf. Erinnert sei nur an den Prognosezeitraum, der regulatorisch vorgegebenen werden muss, um das Problem ansatzweise in den Griff zu bekommen.

Soziologie des Nichtwissens

Peter Wehling hat in seinem Buch Im Schatten des Wissens? das Gebiet des Nichtwissens eingehend bearbeitet. Auf Seite 293 zitiert er aus Collingridge, D. (1980). The Social Control of Technology:

 »The central idea is that under conditions of ignorance a premium ought to be placed on decisions which can swiftly and easily be recognized as wrong, and which are easy to correct.« (S. 31). Entscheidungen unter Nichtwissen sollten daher erstens in hohem Maße korrigierbar sein, sich zweitens auf leicht steuerbare Systeme beziehen, drittens zukünftige Optionen offen halten und viertens »robust« gegenüber Irrtümern sein (S. 32ff.). Damit verändert sich das Verständnis von Entscheidungen grundlegend: Diese können unter Nichtwissens-Bedingungen keine punktuellen, einmaligen Ereignisse sein, sondern müssen als Prozeß angesehen werden, wobei das gezielte »Monitoring« der Entscheidungsfolgen ein zentrales Moment dieses Prozesses darstellt (S. 30, 32).

Monitoring bei der Endlagerung

Hiermit wird ersichtlich, wie schwierig die Endlager-Entscheidung ist und wie wichtig ein Monitoring sein wird. Dies wird im Bereich Endlager aber erst seit etwa zehn Jahren diskutiert. So findet sich in Chapman, N. und C. McCombie.(2003). Principles and Standards for the Disposal of Long-lived Radioactive Wastes ein Kapitel 10. Monitoring and Controlling a Repository before and after Closure. Seit 2009 läuft dazu das Forschungsprojekt Monitoring Developments for Safe Repository Operation and Staged Closure – MoDeRn.

Schwerpunktthema in „Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis“

Weiterhin ist es Schwerpunktthema in der Ausgabe vom Dezember 2012 der Zeitschrift Technikfolgenabschätzung – Theorie und Praxis mit den Beiträgen:

Fallbeispiel Morsleben

Allen Beiträgen gemeinsam ist der Ansatz, dass ein Monitoring nur unter Einbindung der Gesellschaft sinnvoll ist. Ein alleiniges Expertenhandeln ist hier nicht zielführend. Im Falle von Morsleben wurde ein solches Monitoring von den Einwendern gefordert (zum Beispiel Wortprotokoll Seite 2-61, 5-35 und 7-16),  ist vom Betreiber jedoch nicht vorgesehen.

Nichtleitungsgebundene Sensoren

Weiterhin werden die technischen Schwierigkeiten klar. Denn ein Monitoring von verschlossenen Endlagerbereichen erfordern ganz neue Herangehensweisen. Leitungsgebundene Sensoren sind nicht einsetzbar, da diese die Abdichtwirkung der Barrieren beeinträchtigen würden.

Sowohl für die Energieversorgung der Messtechnik als auch die Signalübertragung müssen andere Konzepte entwickelt werden. So werden Datenübertragungen mit magnetische Wellen mit Frequenzen von 500 Hz and 2500 Hz (Site Plans and Monitoring programmes report, S. 22) getestet, und autarke Energieversorgungen mit thermoelektrische Isotopengeneratoren oder Betavoltaik-Batterien (atw: Überwachung eines Endlagers für hochradioaktive Abfälle in Deutschland) diskutiert. Weiterhin wird an einer Seismik-Tomographie-Technik (Seismic Tomography at Grimsel Test Site) gearbeitet, mit der aus einiger Entfernung die Entwicklung in einem Endlagerbereich verfolgt werden könnte.

Neutrino-Spektroskopie?

Bisher noch nicht betrachtet wurde die Neutrino-Spektroskopie, wie sie bereits für geophysikalische Untersuchungen der natürlichen Radioaktivität (Experimental investigation of geologically produced antineutrinos with KamLAND) eingesetzt wurde. In einem Endlager werden Neutrinos bzw. Antineutrinos bei jedem Beta-plus- bzw. Beta-minus-Zerfall freigesetzt.

3 Gedanken zu „Nichtwissenskultur erfordert Endlager-Monitoring

  1. Ich sehe das sehr kritisch. Ein Monitoring kann sinnvoll über maximal einige Jahrzehnte geplant werden. Damit macht es Sinn für Zwischenlager und oberflächennahe Endlager. Für geologische Endlager machst es auch noch Sinn während des Betriebes.
    Aber nach Verschluss? Zunächst einmal gibt es wenig Messtechnik, die ohne Wartung über Jahrzehnte vernünftige Daten liefert. Man muss da schon in die Raumfahrt gehen, um Beispiele zu finden.
    Was kann denn innerhalb der ersten Jahrzehnte geschehen? Und vor allem – was kann geschehen, dass ich mit einem Monitoring sicher erkennen kann? Selbst, wenn meine Sensoren aus dem Endlager z.B. Feuchtigkeit feststellen – liegt es an den Sensoren oder an der Wirklichkeit.
    An der Oberfläche – und das ist offensichtlich – mach ein Monitoring eines verschlossenen geologischen Endlagers für die ersten Jahrzehnte gar keinen Sinn. Von der Bevölkerung wird es trotzdem gewünscht – das macht es aber nicht besser.
    Ich sehe da eher ein zusätzliches Sicherheitsrisiko: Wer wird in 40 Jahren noch genau wissen, wie sich das Endlagersystem verhalten soll? Können wir uns der Kompetenz der dann zuständigen Behörden sicher sein? Ist es nicht eher so, dass unerwartete Monitoring Ergebnisse, die nichts mit dem Endlager zu tun haben müssen, dann zu politisch motivierten gefährlichen Reaktionen aus Unwissenheit führen?

    • Das Monitoring von Langzeitlagern stellt gewiss ganz neue Anforderungen. Die sind mit der bisherigen Messtechnik schlichtweg nicht erfüllbar. Als Physikochemiker habe ich mich mit dieser Problematik jahrzehntelang befasst.

      Auf der anderen Seite wird der Verschluss des Langzeitlagers in Deutschland leider erst in 100 bis 150 Jahre anstehen – so die Endlagerkommission. Da ist noch viel an Entwicklung möglich. Anfänge sind gemacht, siehe atw-Artikel. Ob sie zum Erfolg führen, ist natürlich nicht prognostizierbar.

      Sicher kann man diese Messtechnik auch auf anderen Gebieten verwenden. Mit Spin-offs wie bei der Raumfahrt ist durchaus zu rechnen.

      • Das ist ein wirklich gutes Argument. Bis zum Verschluss eines HAW-Endlagers gehen 1-2 Generationen ins Land. Eigentlich ist es sinnlos, jetzt schon ueber die dann verfuegbaren Technologien spekulieren zu wollen. Also kann Monitoring dann durchaus auch funktionieren. Man muss nur heute zeigen, dass es im Zweifel auch ohne Monitoring sicher waere aber die Plaene immer wieder an das technisch Machbare anpassen. Darauf laeuft es ja auf jeden Fall hinaus. Niemand kann wirklich annehmen, dass in 30 Jahren das Endlager Konrad mit den Techniken verschlossen wird, die heute der Genehmigung zugrunde liegen…

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