Der vorschnelle Schluss eines Philosophen

europeanEine unendliche Geschichte

In dem Debatten-Magazin The European veröffentlichte der Philosoph Jörg Friedrich einen Artikel mit dem Titel Eine unendliche Geschichte. Ausgehend von der Feststellung, dass eine seriöse Prognose über die notwendigen Zeiträume für die Endlagerung radioaktiver Abfälle nicht möglich ist, kommt er in dem Beitrag zu dem Schluss, der Abfall müsse sichtbar bleiben. Er plädiert für das Verbleiben  in CASTORen, gut sichtbar, bewacht und ausgeschildert.

Ethische Aspekte bei der Endlagerung radioaktiver Abfälle

Ähnliche Ansätze verfolgten schon Kalinowski, Borcherding und Bender im Jahr 1999 in ihrer Arbeit Die Langfristlagerung hochradioaktiver Abfälle als Aufgabe ethischer Urteilsbildung (Teil 1, Teil 2). Diese wurden in der GRS-Studie Ethische Aspekte bei der Endlagerung radioaktiver Abfälle in Form eines Kommentars zurückgewiesen:

Entgegen der Darstellung von Kalinowski, Borcherding und Bender ist es nach Stand von Wissenschaft und Technik sehr wohl möglich, die Langzeitsicherheit eines Endlagers unter Berücksichtigung der oben genannten Unsicherheiten nachzuweisen. Die in der Natur der langfristigen Vorhersage liegenden Ungenauigkeiten der Prognosen lassen sich ggf. durch den Umfang der analysierten Parameter und Systeme eines Endlagerstandortes absichern. Aufgrund der aufgeführten Kritikpunkte ist das Verwerfen der tiefengeologischen Endlagerung radioaktiver Abfälle nicht gerechtfertigt….(Seite 23)

Die konkreten Vorgänge zum Endlager Morsleben zeigen aber, dass zumindest die zuständige wissenschaftlich-technische Oberbehörde, das BfS, mit dem sogenannten Langzeitsicherheitsnachweis nach Urteil der Entsorgungskommission überfordert war.

Langzeitsicherheitsnachweis oder Langzeitrisikoanalyse?

Inzwischen spielen Unsicherheiten und Ungewissheiten in der Endlagerdiskussion eine große Rolle, siehe auch Case Study: Uncertainties and their Management. Insofern sollte der euphemistische Begriff Langzeitsicherheitsnachweis durch Langzeitrisikoanalyse ersetzt werden und der abwägende Charakter der Entscheidung für ein Langzeitlager deutlich gemacht werden. Die Abwägung erfordert, Alternativen zur nichtrückholbaren und nicht durch Monitoring begleiteten Endlagerung in tiefen geologischen Schichten zu betrachten.

Vergleich der Alternativen

Auch dazu gibt es bereits einige Arbeiten, zum Beispiel:

  • Closs: Vergleich der verschiedenen Entsorgungsalternativen und Beurteilung ihrer Realisierbarkeit – 1980 *
  • Appel, Kreusch, Neumann: Vergleichende Bewertung von Entsorgungsoptionen für radioaktive Abfälle – 2001 *

Es ist deshalb fraglich, ob zu der gleichen Fragestellung noch das bis 2018 laufende, mit 15 Mio. EUR aus Steuermitteln finanzierte Forschungsprojekt

notwendig ist. Ein Trostpflaster für die SteuerzahlerInnen ist, dass die Christian-Albrechts-Universität zu Kiel mit dem Institut für Philosophie und Ethik der Umwelt beteiligt ist und damit auch philosophische und ethische Aspekte einbezogen sind.

Der vorschnelle Schluss und die Schutzziele des Atomgesetzes

Der Schluss, den Jörg Friedrich macht, ist vorschnell. Eine Abwägung  aller bisher diskutierten Alternativen wird nicht versucht. Ganz außen vor bleibt der Schutz der Umwelt. Denn in dem realistischen Fall, dass die Menschheit in einigen Tausend Jahren verschwindet, muss selbst nach Atomgesetz der Schutz der Umwelt weiterhin sichergestellt sein. Eine einfache Lagerung in CASTOR-Behältern scheitert schon an diesem Schutzziel, wenn kein Mensch mehr die Wartung durchführen kann.

*) Die beiden Studien waren bis vor Kurzem im Internet verfügbar. Sie können für private Zwecke von endlagerdialog.de bezogen werden.

Ein Gedanke zu „Der vorschnelle Schluss eines Philosophen

  1. Jörg Friedrichs Plädoyer für die oberirdische Langzeitlagerung ist keineswegs „vorschnell“, sondern ein seit langem durchargumentiertes Alternativkonzept zu dem jedenfalls „vorschnell“ verklappten Atommüll in Meere, Asse usw., wie sie die Politik mit ihren jüngsten Beschlüssen zur „Endlagersuche“ zwar entschleunigt, aber noch immer mit Milliardenaufwand als erfolgversprechend erneut in Aussicht stellt. Die Opposition und Umweltverbände lassen sich durch Pöstchen in Expertenrunden befrieden, statt die Abkehr von „Endlösungen“ zu fordern und nach Alternativen zu suchen.

    Derweil ist die oberirdische Zwischenlagerung längst zur Dauerveranstaltung geworden – und Provisorien sind so dürftig, wie sie nicht als Langzeitprojekt akzeptiert und entsprechend nachgebessert werden.

    „Abwägen“ lässt sich da vieles, ob z.B. die finnischen und schweizerischen Bergbaulösungen sicherer als oberirdische Lagerhallen sind, wenn dann doch ins Rutschen gerät, was standhalten sollte, aus dem Weg zu räumen mehr Aufwand ist als ein Hallendach mit Flugzeugtrümmern. Oder die Feuchteprobleme, gegen die es in zeitlicher und finanzieller Dimension keinerlei tragfähige Gewährleistung gibt, denn die technischen Lösungen taugen schon kaum für den U-Bahnbau oder die Mauerwerkstrocknung im Altbau, obgleich sich dort „aufbuddeln“ lässt, glücklicherweise nur Wasser und ohne Radioaktivität.

    Es ist für selbsthaftende Praktiker unerträglich, wie die von Absahninteressen geleitete und deshalb pseudowissenschaftliche Schaumschlägerei von Experten noch immer milliardenschwere Politik wird. Zum Nachteil der Vertretenen.

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