Langzeitrisiko – Bewertungsmaßstäbe und Transmutation

ERAM_Freisetzung2Effektive Dosis nach AVV

Das Langzeitrisiko bei der Lagerung radioaktiver Abfälle wird von Behörden immer noch meist mit der effektiven Dosis nach AVV abgeschätzt. Damit wollen sie die Einhaltung der Schutzziele „nachweisen“ und die „Optimierung“ darstellen.

wetterPrognose ohne Bandbreite

Die Berechnungen über lange Zeiträume werden als Linie in Grafiken eingetragen. Die sonst bei Prognosen angegeben Unsicherheitsbandbreiten – siehe zum Beispiel  Temperaturen in den Wettervorhersagen – werden dabei nicht dargestellt. Dies wurde im Erörterungstermin zu Morsleben bemängelt – siehe Wortprotokoll, Seite 7-61.

Prognosen ohne klar definierten Maßstab

Bei diesen Prognosen spielt die Vermischung von Parameterunsicherheiten mit definierter Verteilung und von Ungewissheiten ohne Verteilungsfunktion eine Rolle. Deshalb kommen die Gutachter der Genehmigungsbehörde zum Schluss (siehe Gruppierung und Kommentierung der zusammenfassenden Aussagen aus Einwendungen und Stellungnahmen sowie aus dem Erörterungstermin zum Plan Stilllegung, Seite A3/226):

Damit verliert die Interpretation der berechneten Dosisverteilung ihre Eindeutigkeit. Die berechnete „Wahrscheinlichkeit“ ist kein definiertes Maß im Sinne einer relativen Häufigkeit, sondern bildet eine Erwartung ab, für die es nach unserem Verständnis keinen klar definierten Maßstab gibt.

Prognose oder Ergebnis einer Konvention

Schließlich wird vor der Bezeichnung Prognose abgeraten, da es sich eher um das Ergebnis einer Konvention handelt (Seite A3/164 ebenda):

Die Annahmen zur künftigen Wasser- und Nahrungsmittelversorgung, zu zukünftigen Nutzpflanzen und Nutztieren sowie deren Anbau bzw. Haltung und insbesondere die Wahl der Erwartungswerte für die diesbezüglichen Modellparameter des Radioökologiemodells haben nach unserem Verständnis nicht den Charakter einer Prognose, sondern den einer Konvention….

Diese maximale Wassernutzung sollte u. E. auf der Basis biologisch und ökologisch begründeter Grenzen (und nicht Grenzen, die mit dem Verhalten begründet werden) festgelegt werden.

Die Hoffnung auf Vorgaben

Das erscheint den Gutachtern offensichtlich zu vielschichtig. Da aber zur Entscheidung im Falle Morsleben das zu klären ist, verkünden sie hoffnungsvoll (Seite A3/204 bzw. A3/212 ebenda):

Gegenwärtig werden im Verantwortungsbereich des BMU Vorgaben für die Berechnung von endlagerbedingten Strahlenexpositionen in ferner Zukunft erarbeitet. Ob dort ein anderes Vorgehen als von uns skizziert festgelegt wird, ist für uns gegenwärtig nicht absehbar.

bzw.

Wir gehen davon aus, dass es zum Zeitpunkt der Planfeststellung für die Stilllegung des ERAM eine verbindliche Vorschrift zur Durchführung der Dosisabschätzung geben wird, die von der heutigen AVV abweichen wird.

Die Leitlinie wurde bereits im Jahr 2009 angekündigt

Diese Vorschrift wurde vom BMU – jetzt BMUB – bereits im Februar 2009 in der Diskussion um die Sicherheitsanforderungen angekündigt (siehe Seite 28 in Welche Aspekte sehen Sie in dem BMU-Entwurf...)

..Die Berechnung effektiver Dosen und Risiken im Langzeitsicherheitsnachweis soll in einer den Stand von W&T umsetzende Leitlinie festgelegt werden, die derartige Überlegungen einbeziehen würde…

Leider erfährt die Öffentlichkeit von der intensiven Arbeit an dieser Leitlinie recht wenig. endlagerdialog.de hat deshalb beim Ministerium angefragt, wie zurzeit der Arbeitsstand ist.

Bewertungsmaßstab Radiotoxizität

Die Bewertungsmaßstäbe zum Langzeitrisiko sind schon lange umstritten – siehe auch Beitrag Eignet sich die AVV zu Risikoabschätzungen bei der Langzeitlagerung radioaktiver Abfälle?. Ein einfach zu berechnendes Maß ist die Radiotoxizität.

Transmutation aus der Sicht Radiotoxizität und der Freigabewerte

Die Radiotoxizität wird auch für die positive Auswirkung der Transmutation  – genauer Partitionierung und Transmutation (P&T) – angeführt. Diese radiologische Einschätzung wird in einem Artikel von Schmidt, Kirchner und Pistner bezweifelt. Sie verwenden für ihre Untersuchung als Maßstab die nuklidspezifischen Freigabewerte nach Strahlenschutzverordnung Anhang III und kommen zu dem Schluss:

Die Analyse ergibt, dass der in der Öffentlichkeit häufig verwendete Maßstab der Radiotoxizität zur Bewertung der Chancen und Risiken von P&T fehlleitend ist. Der einfache Radiotoxizitätsindex steht in einem offenkundigen Widerspruch zu den Ergebnissen von Langzeitsicherheitsanalysen. Ein Toxizitätsindex ohne Berücksichtigung der nuklidspezifischen Mobilitäten ergibt zwangsläufig unsinnige Resultate (riesige Dosiswerte) und eine falsche Rangordnung von Nukliden, insbesondere eine fälschlich hohe Gewichtung von Aktiniden.

Die zur Transmutation vorgesehenen Aktiniden verursachen weder wesentliche Dosisbeiträge aus Endlagern noch tragen sie entscheidend zur Freigabefähigkeit mittels P&T behandelter Abfälle bei. P&T trägt daher nicht zu einer Entspannung der Endlageranforderungen bei. Der wesentliche Zweck der Transmutation wird trotz des absehbar erheblichen Aufwands verfehlt.

Aktuelle P&T-Forschung mit gut 4 Millionen EUR gefördert

Die Forschung zu P&T wird mit erheblichen Steuermitteln gefördert. Das zeigt die folgende Tabelle.

Laufende P&T-Projekte (1. Juli - 31. Dezember 2013)

FörderkennzeichenTitelGesamtprojektkosten in EUR
02 NUK 013AVerbundprojekt Transmutationsrelevante kernphysikalische Untersuchungen mit Einsatz moderner technologischer und numerischer Methoden. TP: Neutroneninduzierte Spaltung und andere transmutationsrelevante Prozesse736.590,00
02 NUK 014AVerbundprojekt Partitioning II: Multifunktionelle Komplexbildner mit N, O, S-Donorfunktionen für d- und f-Elemente305.378,00
02 NUK 014BVerbundprojekt Partitioning II: Multifunktionelle Komplexbildner mit N, O, S-Donorfunktionen für d- und f-Elemente467.663,00
02 NUK 014CVerbundprojekt Partitioning II: Multifunktionelle Komplexbildner mit N, O, S-Donorfunktionen für d- und f-Elemente260.548,00
02 NUK 020AVerbundprojekt f-Kom: Untersuchungen zum grundlegenden Verständnis der selektiven Komplexierung von f-Elementen. Teilprojekt A550.191,00
02 NUK 020BVerbundprojekt f-Kom: Untersuchungen zum grundlegenden Verständnis der selektiven Komplexierung von f-Elementen. Teilprojekt B838.422,00
02 NUK 020CVerbundprojekt f-Kom: Untersuchungen zum grundlegenden Verständnis der selektiven Komplexierung von f-Elementen. Teilprojekt C442.080,00
02 NUK 020DVerbundprojekt f-Kom: Untersuchungen zum grundlegenden Verständnis der selektiven Komplexierung von f-Elementen. Teilprojekt D353.376,00
02 NUK 020EVerbundprojekt f-Kom: Untersuchungen zum grundlegenden Verständnis der selektiven Komplexierung von f-Elementen. Teilprojekt E529.746,00
Summe4.483.994,00
Quelle: Projektträger Karlsruhe Wassertechnologie und Entsorgung PTKA-WTE.(2014). BMBF geförderte FuE zu „Nukleare Sicherheitsforschung“ - Berichtszeitraum: 1. Juli - 31. Dezember 2013.

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