Die nächsten Eiszeiten über dem Salzstock Gorleben

Um Abschätzungen über den Einfluss der zukünftigen Eiszeiten auf den Salzstock Gorleben zu machen, ist es angeraten, in die Vergangenheit zu schauen. So gibt es interessante Aussagen zur Elsterkaltzeit vor etwa 400.000 Jahren:

Im Tertiär wurde der Salzstock von meist nur geringmächtigen Ablagerungen überdeckt. Die zum Ende des Tertiärs und in der Präglazialzeit einsetzende Erosion führte zu einer Reduzierung der Überdeckung des Salzstockes. Während der elsterzeitlichen Vereisung im Quartär kam es zur Ausräumung der tertiären Schichten und stellenweise zur Freilegung der Salzstockoberfläche. Im Scheitelbereich des Salzstockes führte die zunehmende Subrosion während des Quartärs zur Entstehung glazialer Rinnen. [1]


Oder anders formuliert:

Ein besonderes Merkmal des Deckgebirges über dem Salzstock Gorleben ist die sogenannte Gorlebener Rinne. Hierbei handelt es sich um eine im norddeutschen Raum häufig vorkommende eiszeitliche Erosionsform. Dabei räumten unter dem Gletscher abfließende Schmelzwässer das Deckgebirge in Form flacher Rinnen aus und erreichten auf dem Salzstock Gorleben stellenweise den Salzspiegel. Die Gorlebener Rinne quert den Salzstock und hat die tonige Überdeckung des Salzstocks in ihrem Verlauf ausgeräumt. An der Basis der Rinne liegen sandige, d. h. wasserführende Schichten, die vom sogenannten Lauenburger Ton nach Abschluss des Erosionsvorgangs überlagert wurden. [2]

In einer Studie, in der die für Zukunftsprognosen zu betrachtenden Zuständen, Ereignissen und Prozessen geschildert werden, wird deshalb ausgeführt:

Die Betrachtung der leichten Löslichkeit des für die Endlagerung vorgesehenen Salzes (Halit) mit den o.a. im Zusammenhang mit einer Eisschicht vermuteten Fließvorgänge sowie die eventuell entstandenen Schrumpfrisse im Salz deuten auf die Möglichkeit einer Ablaugung eines eventuell wesentlichen Teils des Salstockes hin. Vorhandene schützende, niedrigdurchlässige, erosionsbeständige Schichten im Deckgebirge bzw. eventuell auch die Anwesenheit eines gipshaltigen Hutgesteins dürften diese Möglichkeit vermindern. Vorhandene Informationen [PTB (1983)] für den Salzstock Gorleben zeigen aber, daß in der Elster-Eiszeit auch ein Teil des Hutgesteins vollständig entfernt wurde. Die Bewertung der Wirksamkeit solcher Schutzmöglichkeiten erfordert sowohl entsprechende fallspezifische Untersuchungen der vorhandenen Schichten als auch das detaillierte Verständnis der für die Erosion bzw. Ablaugung wesentlichen Vorgänge. [4]

und weiter:

Die als wesentlich zu betrachtenden Phänomene sind Rißbildung im Salz durch die im Vergleich zu den umliegenden Gesteinen ausgeprägte periglaziale Abkühlung, wie eventuell auch durch Entlastung in Folge des Abschmelzens der Eisschicht. Hinzu kommt die denkbare Entfernung der Salzschwebe oberhalb des Endlagers wegen der wesentlich geänderten Grundwasserverhältnisse unterhalb des Eises. Denkbare Folgen sind Wasserzutritt zum Abfall, Ablaugung des Salzes sowie die Freilegung des Inventars. [5]

In einer vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen Studie wird – bezogen auf das Deckgebirge – folgendes k.o.-Kriterium formuliert:

Ein Salzstock darf beispielsweise auch nach einer Eisüberfahrung während einer Kaltzeit nicht frei an der Erdoberfläche ausstreichen. Der einschlusswirksame Gebirgsbereich muss über den gesamten Nachweiszeitraum von einem Deckgebirge oder dem übrigen Wirtsgestein überlagert und geschützt bleiben. [6]

Dieses k.o.-Kriterium wurde vom Salzstock Gorleben in der Elsterkaltzeit erfüllt. In einer der nächsten Eiszeiten ist dies wiederum durchaus möglich. Damit ist der Salzstock Gorleben für die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle nicht geeignet.

Zu einer etwas anderen Einschätzung kommt ein 28-seitiges BGR-Papier, das die Eiszeitstabilität von Salz- und Tonformationen in Norddeutschland vergleicht:

Wegen der in Salzstöcken akkumulierten großen Mächtigkeiten von Steinsalz ist eine Abfalleinlagerung in Tiefenbereichen von 800 – 1000 m vorgesehen, die zukünftige negative Einwirkungen auf ein Endlager durch Rinnenbildungen ausschließen. Die Auswirkungen zukünftiger Rinnenbildungen werden auch durch die Härte des Salzgesteins begrenzt, da diese ein wichtiger Parameter für die die Ausbildung der subglazialen Rinnen ist. [7]

Leider wird nicht näher ausgeführt, ob für diese Meinung auch wissenschaftlich Fundiertes erarbeitet wurde. Interessant wäre die Konstruktion und Durchrechnung eines hydrodynamischen Modells, in das die Parameter Salzhärte, Salzlöslichkeit, Temperaturkoeffizient der Löslichkeit und so weiter eingehen und in dem die maximale Einschnitttiefe hergeleitet wird.

 
[1] Siehe S. 29, Abs. 1 in: Brasser, T. Droste, J. (2008). Anhang Endlagerstandorte: Nationale und ausgewählte internationale Standorte bzw. Standortkandidaten. in: Öko-Institut e.V., GRS mbH. Endlagerung wärmeentwickelnder radioaktiver Abfälle in Deutschland.

[2] Bundesamt für Strahlenschutz (2007). FAQ Endlagerung. http://www.bfs.de/transport/faq/faq_endlagerfragen_o.html

[3] Seite 26 in: Köthe, A., N. Hoffmann, et al.(2007). Description of the Gorleben site Part 2: Geology of the overburden and adjoining rock of the Gorleben salt dome.

[4] Siehe S. 52 unter Überschrift 4.5.2.2 Wirtsgesteinsbezogene Einzelheiten, 4.5.2.2.1 Salz in: Goldsworthy, M., J. Bruns, et al.(2004). Sicherheitstechnische Einzelfragen – Modellrechnungen.

[5] Siehe S. 54 unter Überschrift 4.5.2.3 Wirtsgesteinsspezifische Eiszeitszenarien, 4.5.2.3.1 Salz in: ebenda.

[6] Siehe S. 62 unter der Überschrift 5.4 Deckgebirge in: Öko-Institut e.V., GRS mbH (2008). Endlagerung wärmeentwickelnder radioaktiver Abfälle in Deutschland.

[7] Siehe S. 19, Abs. 1 in: Keller, S. (2009). Eiszeitliche Rinnensysteme und ihre Bedeutung für die Langzeitsicherheit möglicher Endlagerstandorte mit hochradioaktiven Abfällen in Norddeutschland.

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