ENTRIA: Eine Einführung mit dem Titel „Ewigkeitslasten“

ewigkeitslastenDas neue Buch

Im Rahmen des Projekts ENTRIA ist jetzt ein weiteres Buch mit dem Titel Ewigkeitslasten – Die „Endlagerung“ radioaktiver Abfälle als soziales, politisches und wissenschaftliches Projekt – eine Einführung veröffentlicht worden. Der Autor Achim Brunnengräber ist Mitarbeiter im Forschungszentrum für Umweltpolitik der FU Berlin.

Der Buchvergleich

Das Buch ist erfreulich fließend zu lesen, insofern stellen die gut 140 Seiten keine hohe Hürde dar. Auch ist das drin, was draufsteht: eine Einführung in die sozialen, politischen und wissenschaftlichen Aspekte der sogenannten Endlagerung. Damit zeichnet es sich gegenüber dem Buch Nuclear Waste Governance – An International Comparison aus, wo der Titel einen Etikettenschwindel darstellt, was bei einem Preis von 50 EUR schon gravierend ist. Der Titel des letztgenannten Buches müsste eigentlich relativiert werden mit Volume I – First Crude Data Accumulation -siehe Beitrag “Nuclear Waste Governance” – Wo ist die vergleichende Analyse?. Mit dem Buchpreis von 12,90 EUR geht man bei Ewigkeitslasten auch ein geringes Risiko ein.

Verglaste Abfälle in Jülich und Interdisziplinarität

Doch stutzig wird man bereits auf Seite 33, wo zu lesen ist:

Ein Problem stellen auch die 152 Castor-Behälter mit verglastem Atommüll dar, die seit Anfang 2014 ohne Genehmigung am Forschungszentrum Jülich lagern.

Da zweifelt man dann schon an der Darstellung im Vorwort, wo auf Interdisziplinarität des ENTRIA-Projektes abgehoben und die intensiven Diskussionen mit den KollegInnen erwähnt wird, die das Manuskript kritisch kommentiert hätten. Selbst der Sprecher des  Projekts muss herhalten:

Klaus-Jürgen Röhlig von der TU Clausthal hatte das erforderliche Einfühlungsvermögen, mir komplizierte naturwissenschaftliche Sachverhalte verständlich zu erläutern.

Keinem soll dabei aufgefallen sein, dass die 152 Castor-Behälter die Brennelemente des Hochtemperaturreaktors AVR enthalten, wobei es sich um Graphitkugeln handelt? Ein kurzer Blick in die einschlägige Mengengerüst-Studie GRS-278 auf Seite 42 hätte diesen Fehler vermieden.

Ungelesen beiseitelegen?

Hier besteht die Gefahr, dass Leser, die sich bereits etwas mit der Problematik radioaktiver Abfälle beschäftigt haben, das Buch an dieser Stelle beiseitelegen. Diese kommen dann nicht zu dem Kapitel Zukunft, die schon begonnen hat, das in interessanter Weise den Bogen von der Deutschen Atombombe zur Endlagerkommission spannt.

Die ausgetretenen Pfade und Dänemark

Leider sind in gesamten Text nicht wirklich interessante Fakten verarbeitet. Praktisch alles bewegt sich innerhalb des schon immer Gesagtem. Gerade das Verlassen der ausgetretenen Pfade böte viel Interessantes. So wird nicht der Weg von Dänemark erwähnt, das vor Nutzung der Atomkraft die Entsorgungsmöglichkeiten erörtert und dann aufgrund der Ergebnisse im Sinne des Strahlenschutzgrundsatzes der Rechtfertigung auf Atomkraftwerke verzichtet hat.

Vergleich mit chemischen Sonderabfällen fehlt

Es werden auffallend oft die bisherigen Bilder bedient, wie zum Beispiel, dass ionisierende Strahlung sich der unmittelbaren Wahrnehmung durch die menschlichen Sinnesorgane entzieht. Dies gilt auch für viele andere Noxen, so für krebserregende Substanzen. Hier ist selbst der wesentliche Wirkungsmechanismus gleich, nämlich der genotoxische Mechanismus. Auch Dioxine kann der Mensch nicht wahrnehmen! Und dioxinhaltige Abfälle sowie andere hochtoxische Abfälle werden in Deutschland in fünf Untertagedeponien endgelagert. Hier lohnt sich schon ein Vergleich, der sich bis zum Vergleich von Energie- und Chemiepolitik spannen würde. Dies wird aber auch in diesem Buch versäumt.

Und die Themenkästen

In Form von Themenkästen wird versucht, Begriffe zu klären. Jedoch gelingt das in den seltensten Fällen. So will der Themenkasten 6 die drei Begriffe Halbwertszeiten, Becquerel und Sievert erklären. Aber schon die optische Gliederung in drei Absätze Halbwertszeiten – Becquerel – Sievert ist nicht vorhanden. Die Ausführungen zu Sievert sind dazu noch recht verwirrend, und die Sonderstellung der genotoxischen Mechanismen wird nicht behandelt, obwohl hier die wesentliche Problematik des Strahlenschutzes in der gesellschaftlichen Umsetzung klar gemacht werden könnte. So können rein wissenschaftlich Grenzwerte für Noxen festgelegt werden, die nicht genotoxisch wirken. Für genotoxische Agenzien, wie die ionisierende Strahlung, müssen Grenzwerte auf der Grundlage von Nutzen-Risiko-Abwägungen gesellschaftlich getroffen werden. Außerdem könnte zum Beispiel die unsinnige Strategie der Verdünnung klarer gemacht werden, die auf Seite 39 bemüht wird.

Verbrennung keine Lösung

Positiv hebt sich das Buch vom Infoblatt des „Fachverbandes für Strahlenschutz e.V.“ ab, wenn auf Seite 36 erwähnt wird, dass radioaktive Abfälle nicht einfach verbrannt werden können. Erläutert wird das jedoch leider nicht. Aber selbst der einfache Hinweis zur Verbrennung fehlt im oben genannten Infoblatt, der sehr gut in den Absatz Konditionierung passt.

Äußere und innere Strahlenbelastung nicht unterschieden

Ein Manko des Buches ist, dass nicht zwischen Direktstrahlung (äußere Strahlenbelastung) und Strahlenbelastung durch aufgenommene radioaktive Stoffe (innere Strahlenbelastung) unterschieden  wird. Ein Langzeitlager in tiefen Erdschichten führt nach Verschluss nicht mehr zu einer äußeren Strahlenbelastung, wohl aber zu einer inneren Strahlenbelastung, wenn radioaktive Stoffe aus dem Lager austreten und zum Beispiel durch Wasser als Transportmittel bis in die Nahrungsmittel gelangen. Es tritt also aus einem „Endlager“ keine Strahlung aus, sondern es treten radioaktive Stoffe aus, die schließlich nach Aufnahme in den menschlichen Körper zu einer inneren Strahlenbelastung führen.

Fässer und Castor-Behälter

Auch kommt immer mal wieder etwas durcheinander. So zum Beispiel, wenn geschrieben wird (Seite 42, letzter Absatz):

Allerdings ist ungeklärt, wohin die Fässer transportiert werden sollen, nachdem Gorleben im StandAG dafür ausgeschlossen wurde.

Es geht nicht um Fässer, in denen in der Regel schwach- und mittelaktive Abfälle transportiert werden, sondern um Transportbehälter mit hochradioaktiven Abfällen (zum Beispiel Castor-Behälter).

Herr Sailer

Michael Sailer ist auch nicht Mitglied der Entsorgungs-, Reaktorsicherheits- und Endlagerkommission (Seite 54, zweiter Absatz). Aus der Reaktorsicherheitskommission wurde er auf der 471. Sitzung verabschiedet.

BfE und DBE?

Gravierend wird es auf Seite 121, wo in mit Bezug auf das Bundesamt für kerntechnische Entsorgung (BfE) formuliert wird:

Womöglich wird sich das Bundesamt zur Durchführung der Erkundungsmaßnahmen der privatwirtschaftlichen organisierten Deutschen Gesellschaft für Abfallstoffe mbH (DBE) bedienen.

Das BfE hat nicht die Aufgabe, Erkundungsmaßnahmen durchzuführen. Dies ist Aufgabe des Vorhabenträgers BfS. Das BfE kann auch keine Dritten beauftragen. Dies ist nach § 23 Abs. 1 Nr. 2 AtG nur dem BfS möglich, wobei aber nach § 6 StandAG eine Beleihung nicht zulässig ist.

Schade, denn eine interdisziplinäre Einführung tut Not

Man kann nur dem Statement auf Seite 47, letzter Absatz beipflichten:

Die große Herausforderung ist das interdisziplinäre Zusammenfügen der wissenschaftlichen Teildisziplinen, die in der „Endlagerung“ von hoher Relevanz sind.

Leider ist dies mit dem vorliegenden Buch nicht gelungen. Leider deshalb, weil gerade als Einführung in die „Endlagerei“ ein Buch notwendig wäre, das genau das leistet. Vielleicht sollte man den vorliegenden Text als ersten Entwurf sehen, woraus nach weiteren zehn Bearbeitungsschritten eine interessante Einführung in die Problematik entstehen könnte. Nur sollte man sich davor hüten, das Textvolumen auszudehnen. Ziel sollte eine Seitenzahl von 100+ sein.

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