RESUS, der erste Blick in die Unterlagen

Die wesentliche Rolle der geologischen Abwägungskriterien im Schritt 2

Im Schritt 2 der Phase 1 müssen die geologischen Abwägungskriterien eine wesentliche Rolle spielen. Erst dadurch erhält das Verfahren den komparativen – also vergleichenden – Charakter. Zwar wurden diese Kriterien bereits im Schritt 1 angewendet, jedoch nur in einer sehr rudimentären Weise. Dazu wurden nur wenige Daten, die die Länder geliefert hatten, ausgewertet. Durch massive Verwendung von Referenzdaten wurde dieses ein Stück weit verschleiert. Formal ist dieses Vorgehen aber durch das StandAG gedeckt.

Problem der Aggregierung, entstanden durch Kompromiss in letzter Minute

Zur Anwendung der geologischen Abwägungskriterien und insbesondere zur Aggregierung gibt der Gesetzestext keine Methode vor. Der AkEnd-Bericht machte dazu Aussagen (Seite 105) auf der Basis dreier Gewichtungsgruppen der geologischen Abwägungskriterien.

In der Endlagerkommission ging es letztlich um die Einordnung des Deckgebirgskriteriums in eine solche Gewichtungsgruppe. Der in geheimer Sitzung – siehe Die letzte Sitzung der Endlagerkommission – Die Schreckliche und Arbeit der Endlagerkommission – eine kritische Würdigung – entwickelte Kompromiss bestand aus dem rigorosen Ersatz des Begriffs Gewichtungsgruppe durch Kriteriengruppe. Wei­terhin wurden die wichtenden Aussagen zu den Abwä­gungskriterien vollständig gestrichen. Damit erhielten alle Abwägungskriterien formal die gleiche Wichtung. Das Abwägungskriterium zum Deckgebirge wurde der Kri­teriengruppe 3 zugeordnet.

RESUS – Aggregierung auf der Grundlage des StandAGs

Zum Problem der Aggregierung auf der Grundlage des StandAGs wurde von der BGE ein Arbeitsprojekt in Auftrag gegeben mit der Bezeichnung RESUS – Grundlagenentwicklung für repräsentative vorläufige Sicherheitsuntersuchungen und zur sicherheitsgerichteten Abwägung von Teilgebieten mit besonders günstigen geologischen Voraussetzungen für die sichere Endlagerung hochradioaktiver Abfälle. Bearbeitet wurde das Projekt von GRS, BGR und BGE TEC. Die Ergebnisse sind in einem Synthese- und zehn Einzelberichten auf insgesamt 1921 Seiten festgehalten, die Ende November veröffentlicht wurden – siehe hier.

Vorabversionen schon im Zwischenbericht erwähnt

Fünf der RESUS-Ergebnisberichte in Vorabversionen werden im Zusammenhang mit dem Zwischenbericht Teilgebiete erwähnt – siehe Endlagersuche -> Wesentliche Unterlagen -> Zwischenbericht Teilgebiete -> Zitierte Sekundärdokumente -> Berichte, die im Rahmen des Standortauswahlverfahrens von der BGE beauftragt wurden. Deshalb sah sich endlagerdialog.de veranlasst, bereits zur Bearbeitung des Zwischenberichts die RESUS-Papiere und hier insbesondere den Synthesebericht anzusehen.

Synthesebericht Seite 59 – Ionenstärke

Auf Seite 59 kommt man leicht ins Stutzen. An dieser Stelle wird lediglich die Anlage 9 des StandAG zitiert:

Die barrierewirksamen Gesteine eines einschlusswirksamen Gebirgsbereichs sollen ein möglichst hohes Rückhaltevermögen gegenüber den langzeitrelevanten Radionukliden besitzen. Indikatoren hierfür sind die Sorptionsfähigkeit der Gesteine beziehungsweise die Sorptionskoeffizienten für die betreffenden Radionuklide nach der unten stehenden Tabelle, ein möglichst hoher Gehalt an Mineralphasen mit großer reaktiver Oberfläche wie Tonminerale sowie Eisen- und Mangan-Hydroxide und -Oxihydrate, eine möglichst hohe Ionenstärke des Grundwassers in der geologischen Barriere sowie Öffnungsweiten der Gesteinsporen im Nanometerbereich.

AkEnd-Bericht zur Ionenstärke

Im AkEnd-Bericht ist auf Seite 180 dazu zu finden:

Hinsichtlich des hydrochemischen Milieus sind die Einflussgrößen pH-Wert, Eh-Wert, Auftreten von Konkurrenzionen, Ionenstärke, Speziation, Konzentration und Ladung der gelösten Ionen sowie Temperatur sorptionsbestimmend. Sorptionsbegünstigend sind im Allgemeinen neutrale bis leicht alkalische pH-Werte sowie geringe Ionenstärke und geringe Konzentration an Konkurrenzionen. Komplexierungsvorgänge (z. B. die Bildung von Karbonat-Komplexen) führen dagegen zu einer Verminderung der Sorption.

Hier steht also bezüglich des Einflusses der Ionenstärke auf das Rückhaltevermögen das Gegenteil von dem, was im StandAG festgelegt ist. Doch auf Seite 188, zweiter Absatz wird weiter ausgeführt:

Die Kolloidbildung bzw. der Anteil an natürlichen Kolloiden im Tiefenwasser soll möglichst gering sein. Das hydrochemische Milieu sollte möglichst nicht zur Stabilisierung der Kolloide beitragen. Hohe Ionenstärken destabilisieren im Allgemeinen Kolloide.

Und insgesamt wird zum Indikator Ionenstärke gesagt (Seite 188, erster Absatz):

Der Einfluss der Ionenstärke auf die Radionuklidlöslichkeit ist elementspezifisch und daher nicht allgemein quantifizierbar. Darüber hinaus wirkt die Ionenstärke im Sinne eines langsamen Transportes von Radionukliden gegenläufig auf die Sorptionseigenschaften und die Kolloidstabilität. Daher kann aus der Ionenstärke allein kein eindeutiges Kriterium hinsichtlich günstiger oder ungünstiger Bedingungen abgeleitet werden. Die Tiefenwässer in Deutschland weisen in den für die Endlagerung vorgesehenen Teufen generell hohe Ionenstärken auf.

Ionenstärke im StandAG und im Abschlussbericht der Endlagerkommission

Diese differenzierte Einschätzung des Indikators Ionenstärke findet sich im StandAG nicht wieder. Hier wird allein auf die positive Wirkung hoher Ionenstärken gesetzt. Das ist darauf zurückzuführen, dass die entsprechende Festlegung im Abschlussbericht der Endlagerkommission nur verstümmelt übernommen wurde. Dort steht auf Seite 278:

Um die Migration von an Kolloiden sorbierten Radionukliden einzuschränken beziehungsweise zu verhindern, sollten die Ionenstärke des Grundwassers im einschlusswirksamen Gebirgsbereich möglichst hoch sein und die Öffnungsweiten der Gesteinsporen im Nanometerbereich liegen.

In RESUS aufgegriffen, Konsequenzen jedoch nicht gezogen

Das wird zwar im RESUS-Band zu Ton auf Seite 163 mit

Gemäß Kommissionsbericht bezieht sich dieser Indikator auf die Einschränkung der Migration von Kolloiden. Diese Einschränkung wird im StandAG nicht wiedergegeben.

aufgegriffen, aber daraus keine Konsequenzen ähnlich denen im AkEnd-Bericht gezogen.

Von der DAEF am Rande erwähnt

Die Stellungnahme der DAEF geht am Rande auch auf dieses Problem ein (Seite 2):

So besitzen die hydrochemischen Bedingungen und die Rückhalteeigenschaften des Gesteins im einschlusswirksamen Gebirgsbereich (ewG) im Wirtsgestein Steinsalz (geringes bis kein Wasservorkommen) im Vergleich zu anderen Wirtsgesteinen (zu unterstellender signifikanter Wasserzutritt zu den Einlagerungsbereichen) eine deutlich unterschiedliche Relevanz. Weiterhin sind die pH-Werte, die im Referenzdatensatz für Steinsalzformationen genannt werden, zu diskutieren. Gemessene pH-Werte in hochsalinaren Lösungen sind nicht mit den in verdünnten Grund- und Porenwässern bestimmten zu vergleichen, sondern erfordern eine vertiefte Interpretation, um geochemisch bedeutsame Daten zu erhalten.

Intensive wissenschaftliche Bearbeitung notwendig – BaSE-Projekt

Das Beispiel Ionenstärke zeigt, wie wichtig es ist, die Grundlagen der geologischen Abwägungskriterien intensiver wissenschaftlich zu bearbeiten. Dazu gibt es ein Projekt des BaSE mit dem Titel Anforderungen und Kriterien des StandAG – Begründung der geowissenschaftlichen Bewertungsgrößen (BegeoBe). Leider liegt zu diesen im Mai 2020 abgeschlossenen Arbeiten bisher weder ein Zwischen- noch ein Endbericht vor. Hierin sollte der Einfluss der Ionenstärke auf Sorptionsverhalten einerseits und auf die Kolloidstabilität andererseits durch wissenschaftliche Literatur beleuchtet worden sein.

Das RESUS-Projekt als Teil des transparenten Auswahlverfahrens

Zum RESUS-Projekt wird ausgeführt (Synthesebericht, Seite 1):

Die Ergebnisse des Vorhabens wurden auf mehreren Fachkonferenzen vorgestellt. Entwürfe der Ergebnisberichte wurden im April 2020 mit der Möglichkeit einer Kommentierung über den Webauftritt der GRS online gestellt. Das Feedback aus diesen Foren wurde bei der Erstellung der finalen Berichtsfassungen berücksichtigt.

Leider wird nicht dargelegt, auf welchen Fachkonferenzen die Ergebnisse vorgestellt wurden und wie die Fachdiskussionen abliefen. Gleiches gilt für die Online-Kommentierungen auf der GRS-Site. Wie viel Fachleute haben sich an der Auseinandersetzung beteiligt? Welche Änderungen wurden daraufhin vorgenommen? Wo sind die unterschiedlichen Fassungen zu sehen, wie sieht die Revisionsliste aus? Mit den Fassungen von Ende November wird so getan, als wenn es die Revisionen 0 wären, was sicherlich nicht zutrifft. Das hat im Endlagerbereich Tradition: Auch die Unterlagen zur Schließung des Zwischen- und Endlagers für radioaktive Abfälle Morsleben (ZERAM) wurden in sogenannten Revisionen 0 vorgelegt, ohne dass dies der Realität entsprach.

RESUS-Revision notwendig durch Inkrafttreten der Sicherheitsverordnungen

Die jetzt vorliegende RESUS-Version bedarf bereits heute einer weiteren Revision. Da das Projekt die erst am 15.10.2020 in Kraft getretenen Verordnungen zu den Sicherheitsanforderungen und zu den Sicherheitsuntersuchungen nicht berücksichtigen konnte, musste es sich auf die Sicherheitsanforderungen von 2010 stützen. Zwar wird das in einem gesonderten Kapitel aufgegriffen (Synthesebericht, Kapitel 5). Da sich aber sogar Begrifflichkeiten verändert haben, ist eine neue Version dieser schwierigen Materie aus Verständnis- und Transparenzgründen notwendig.

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