Endlagersuche als wicked problem

ffu_endlNichttechnische Forschung

Das Problem der Endlagersuche wird auch in Deutschland vermehrt als nichttechnischer Forschungsgegenstand entdeckt. So liest man auf der Internetseite des Forschungszentrums für Umweltpolitik an der FU Berlin (FFU) von einem Projekt mit dem Titel International vergleichende Analyse von Endlagerungs-Governance im Mehrebenen-System unter besonderer Berücksichtigung von Akteuren, Politikinstrumenten und Institutionen. In einem umfangreichen Papier wird die Forschungsrichtung vorgestellt.

wicked problem

Der wesentliche Ansatz ist die Einstufung der Endlagerfrage als wicked problem (siehe auch wikipedia). Diese Begrifflichkeit geht auf die 1970er Jahre zurück, wo ein solches Konzept für die Analyse von städtebaulichen Planungsprozessen entwickelt wurde. Später wurden zur Charakterisierung solcher Probleme sechs Kriterien herausgearbeitet. Für die Anwendung auf die Endlagerproblematik wird ein siebenter Punkt ergänzt:

Wicked problems

  1. können erst richtig verstanden werden, wenn die Lösung gefunden ist,
  2. können nie völlig zufriedenstellend gelöst werden,
  3. können aufgrund der wissenschaftlichen Unsicherheiten nicht eindeutig richtig oder falsch bearbeitet werden,
  4. können nicht einer zum Beispiel länderunabhängigen Standardlösung zugeführt werden,
  5. können zum Beispiel wegen der langen Zeiträume nicht experimentell angegangen werden,
  6. können nicht auf objektive Tatbestände reduziert werden, da Wahrnehmung und Deutung eine große Rolle spielen und
  7. können schließlich nur durch eine Analyse der Interessen und Konflikte auf den unterschiedlichen Akteursebenen verstanden werden.

Natur- und Technikwissenschaften als auch Sozialwissenschaften

Bemerkenswert sind die immer wieder betonten wissenschaftlichen Unsicherheiten. So kommt man zu der Aussage

Auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse können vielfach keine klare Orientierung geben. Politische oder ökonomische Interessen überschatten diese.

Weiterhin wird Wissenschaft umfassend verstanden. Neben Natur- und Technikwissenschaften werden auch die Sozialwissenschaften einbezogen. Das Papier kommt zu der Erkenntnis, dass der Prozess wissenschaftlich, politisch und gesellschaftlich aktiv gestaltet werden muss.

Defizite der Behandlung der Endlagerfrage in Deutschland

Mit diesem Ansatz wird klar, dass eine Risikokommunikation notwendig wird, die diese Bezeichnung auch verdient. Dies bedingt letztlich eine wirkliche gesellschaftliche Öffnung des Diskurses.  Zurzeit wird die Endlagerfrage in Deutschland lediglich natur- und technikwissenschaftlich sowie elitärpolitisch in Spitzengesprächen angegangen.

Neben Unsicherheit auch Nichtwissen

Im vorgestellten Forschungsansatz fehlt noch der Schritt von wissenschaftlichen Unsicherheiten hin zu Nichtwissen. Auch beim komplexen Problem der Endlagerung wie auf anderen Umweltgebieten ist es wahrscheinlich, dass neben den erkannten Unsicherheiten weitere Zusammenhänge noch vollständig unbekannt sind (siehe Wehling, P.(2006). Im Schatten des Wissens? Perspektiven der Soziologie des Nichtwissens). Dies muss methodisch berücksichtigt werden. So wurde zum Beispiel das Problem der Gasentwicklung in einem Endlager erst recht spät als wesentlich erkannt.

Unschärfen im Forschungspapier

Bei der Aufzählung der Akteure haben sich Unschärfen eingeschlichen. So liegt die Überwachung der Endlager lediglich bei einer selbstständigen Einheit im Bundesamt für Strahlenschutz. Hauptsächlich ist das BfS aber nach § 23 Abs. 1 Nr. 2 Atomgesetz für die Errichtung und den Betrieb der Endlager zuständig. Ob diese Konstruktion der Überwachung dem Trennungsgebot der EURATOM-Richtlinie entspricht, kann bezweifelt werden. Fakt ist, dass damit Intransparenz geschaffen wird.

Weiterhin ist die DBE ist nicht allein im Besitz der AKW-Betreiber. Nach Auskunft der Bundesregierung sind die Anteilseigner seit 2008:

  • GNS Gesellschaft für Nuklearservice mbH, Essen: 75 % und
  • EWN Energiewerke Nord GmbH, Rubenow: 25 %.

Die EWN sind in Bundesbesitz und beschäftigen sich mit dem Rückbau von kerntechnischen Anlagen an den Standorten Greifswald, Rheinsberg, Jülich und Karlsruhe.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Mit Erstaunen stellt man fest, dass das Projekt am Forschungszentrum für Umweltpolitik ein Teilprojekt der Forschungsplattform Entsorgungsoptionen ist – siehe Beitrag “Forschungsplattform Entsorgungsoptionen”… . Aus dem Zweiseitenpapier der Plattform ist das nicht zu entnehmen. Hier steht der „multidisziplinär“ gestaltete Vergleich von drei Entsorgungsoptionen im Vordergrund. Auch die mageren Zeilen über den Beitrag der Rechtswissenschaften an der TU Braunschweig lassen keine wirklich neue Herangehensweise erkennen.

Da weckt das Konzept des FFU schon andere Hoffnungen. Es ist zu wünschen, dass diese nicht enttäuscht werden. Wie wichtig diese Öffnung inzwischen ist, zeigt auch das Papier zur Gründung der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Endlagerforschung, die die sozialwissenschaftlichen Fragestellungen auch nicht außen vor lassen will:

Die thematischen Schwerpunkte reichen dabei von der Grundlagenforschung über die Entwicklung von Sicherheits- und Nachweiskonzepten oder von Methoden zur Beurteilung von Standorten bis hin zu sozialwissenschaftlichen Fragestellungen.

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